Sonnyboy Leseprobe

Kapitel 1: Julian

»Ähm …« Ein bisschen üb1400erfahren starrte Julian dem blonden Schopf hinterher, dessen Besitzer plötzlich in Richtung der Kellertreppe davonrauschte und mit dem er in diesen Club, den Panther, gekommen war. Der Name des Blondschopfes war Alex und er war ein guter Freund von Julian. Böse Zungen hätten es Fickbekanntschaft genannt, aber in Wirklichkeit verband sie schon ein wenig mehr als das und er war der Grund, warum Julian zurzeit in der Stadt war. Nach Monaten, in denen sie sich nicht gesehen hatten, hatte er sich zum Semesterende entschieden, Alex zu besuchen. Bis zum letzten Semester hatten sie an derselben Uni studiert. Er selbst Sportwissenschaften und Alex Biologie. Wo sie sich letztendlich kennengelernt hatten, ob in einer Bar oder auf dem Campus, wusste Julian nicht einmal mehr, aber das war ja auch nicht wichtig. Ihre Beziehung war von Anfang an freundschaftlicher Natur gewesen, gespickt mit unzähligen leidenschaftlichen Nächten, bis Alex die Uni gewechselt hatte. Ab diesem Zeitpunkt hatten sie sich nur noch selten gesehen, was sie beide stets bedauert hatten. Dann, kaum dass Julian bei Alex angekommen war, hatte es plötzlich ein riesiges Chaos gegeben, dessen Komplexität vermutlich niemand so genau verstanden hatte. Jetzt, im Nachhinein, war es klar: Alex und dessen Mitbewohner tänzelten wohl schon ewig umeinander herum, keiner von beiden hatte es geschafft, ein anständiges Gespräch anzufangen, es hatte zig Missverständnisse gegeben, bis das Ganze dann vor ein paar Stunden so richtig eskaliert war. Weil sie sich daraufhin bei Janna, besagtem Mitbewohner, entschuldigen wollten, waren Alex und Julian ihm zum Panther gefolgt, aber auch das war in die Hose gegangen, um es freundlich auszudrücken.
Julian verstand nicht mal, was Alex an Janna fand, aber das musste er ja auch gar nicht. Fakt war, dass der Kerl der Grund war, aus dem Alex ihn hier hatte stehen lassen und gerade einen Rekord im Treppenspringen aufzustellen versuchte. Da hatte es seinen Kumpel wohl ganz schön erwischt, wenn er es so eilig hatte.
So viel Stress, nur um einen Kerl ins Bett zu bekommen, und dann auch noch einen, den man eigentlich nur dafür zu bezahlen brauchte. Tja, Liebe war schon etwas Verrücktes – und nebenbei bemerkt nichts, womit Julian sich aufhielt. Beziehungen führten nur zu Problemen und Streit, wie Alex und Janna in den letzten Tagen eindrücklich bewiesen hatten. Vielleicht wäre die ganze Sache nach diesem Abend endlich erledigt – auf die eine oder auf die andere Weise.
So oder so änderte es aber nichts daran, dass Julian sich gerade in diesem Club wiederfand. Als er sich von seiner Überraschung erholt hatte, wurde er sich der Anwesenheit des inzwischen nicht mehr ganz so wütenden Lockenkopfes vor sich gewahr.
»Du musst Leo sein«, mutmaßte Julian abschätzend. Alex hatte ihm von dem Kerl mit den braunen Locken erzählt, der wohl auch ein Freund oder Kollege oder beides von Janna war und der Alex gerade ziemlich zur Sau gemacht hatte, damit der endlich seinen Arsch hochbekam und mit Janna redete.
»So, muss ich das?«, fragte der Lockenkopf zurück, trug dabei ein leicht ironisches Lächeln auf den Lippen. Den appetitlich vollen Lippen, um das nicht unerwähnt zu lassen.
»’ne Frisur wie in die Steckdose gefasst, ein paar Haare am Kinn, jepp, würde sagen, das ist Leo, wie Alex ihn mir beschrieben hat«, frotzelte Julian und verschränkte die Arme. Eigentlich stimmte die Beschreibung so nicht. Leos kaffeefarbene Haare waren wild, aber es stand ihm gut. Besonders die Locken, die ihm in die braunen, schelmisch blitzenden Augen fielen, gaben ihm etwas Verschmitztes, Verwegenes und auch der kleine Kinnbart sah ordentlich, ja geradezu penibel gestutzt aus. Einzig die Augenbrauen hätte Julian etwas schmaler gezupft, wenn es seine gewesen wären, aber vielleicht war er da auch einfach nur übertrieben eitel.
»Na, wer du bist, muss ich nicht einmal fragen«, erwiderte Leo ungerührt ob dieser unglaublich »vorteilhaften« Ansage. »Du bist der Arsch, der sich zwischen Alex und unseren Janna gedrängt hat.«
»Was?« Julian war so überrascht, dass er sogar für einen Moment vergaß, überheblich auszusehen. Das war eine Anschuldigung, die er nicht auf sich sitzen lassen konnte. »Alex hat von Janna nichts gesagt, als ich ihn gefragt hab, ob er Zeit für mich hat, und außerdem war er fest davon überzeugt, dass Janna nichts von ihm will. Kein Wunder eigentlich, oder? Hast du mal geguckt, wie der Typ drauf ist? Da holt man sich ja Frostbrand.«
»Tss«, machte Leo nur augenrollend, was Julian irgendwie wütend machte. Es war ja wohl eindeutig nicht seine Schuld, dass die beiden Idioten zu blöd gewesen waren, um mal Klartext miteinander zu reden! »Red dich ruhig raus«, meinte Leo schulterzuckend. »Aber für mich bist du der Schuldige. Sie waren grad dabei, sich näherzukommen, und dann tauchst du auf.«
»Komm mir nicht so! Ich hab doch gesagt, ich wusste nix davon! Bist du hier die Oberglucke oder was?«
Leo verschränkte die Arme und zog spöttisch eine Augenbraue nach oben – er machte Julian rasend damit.
»Hahn bitte, wenn überhaupt«, ließ er trocken verlauten. Julian wollte etwas Schlagfertiges oder zumindest etwas Giftiges erwidern, aber ein schwarzer Schopf, gefolgt von einem blonden, an der Treppe fesselte seine Aufmerksamkeit. Gerade kam Janna mit Alex im Schlepptau aus dem Keller und durchquerte den Club Richtung Hintertür. Auch Leo drehte sich um, als er bemerkte, dass Julian an ihm vorbeisah. »Na also. Geht doch«, murmelte er zufrieden und verfolgte mit den Augen, wie die beiden den Panther durch den Hinterausgang verließen. Dann wandte er sich wieder Julian zu. »So, ich hab noch zu tun. Wir sehen uns dann morgen beim Umzug.«

Richtig, der Umzug, dachte Julian, während er Leo hinterhersah, der sich in Richtung der Treppen davonmachte. Fast hätte er vergessen, dass Alex mit Janna und dessen Bruder in eine WG zog, weil … So genau hatte Julian das auch nicht verstanden, aber aus irgendeinem Grund konnten oder wollten die Brüder nicht mehr bei ihrem Vater leben. War ja auch streng genommen nicht seine Sache. Er hatte nur vorgeschlagen, den Umzug über die Bühne zu bringen, solange er noch in der Stadt war. Jede helfende Hand zählte, das wusste Julian aus eigener Erfahrung, und richtig, er erinnerte sich: Dieser Leo würde neben ein paar anderen auch dabei sein.
Tja, und wie lange würde er, Julian, noch in der Stadt sein? Ursprünglich hatte er Alex besuchen und so lange bleiben wollen, bis sie einander überdrüssig geworden wären oder … es sich anders ergeben hätte. Letzterer Fall war wohl soeben eingetroffen, wenn Alex nun tatsächlich etwas mit Janna anfangen sollte. Aber jetzt zurück nach Hause in seine winzige Dachgeschosswohnung, wo sowieso nur Bewerbungsunterlagen auf ihn warteten? Ne, da konnte Julian sich eindeutig Besseres vorstellen. Seufzend setzte er sein Glas an, nur um festzustellen, dass Alex es geleert hatte, bevor er davongestürmt war. Hatte der sich tatsächlich Mut antrinken müssen? Wie auch immer, dachte Julian seufzend und tigerte mit den beiden leeren Gläsern zur Bar, wo er sich bei einem großen Blonden – Sean war sein Name, wenn er Alex’ Beschreibung vertrauen konnte – einen Caipirinha bestellte. Sean war nicht nur groß, sondern auch ziemlich gut gebaut, konnte Julian nicht umhin, zu bemerken. Breite Schultern, schmale Taille und Augen braun wie dunkle Milchschokolade. Fast schade, dass er laut Alex vergeben war.
»Du bist Julian, oder?«, fragte Sean prompt und als Julian nickte, fuhr er fort: »Dachte ich mir, als du mit Alex reinkamst. Janna hat von dir … erzählt.« Es fehlte der Vorwurf in seinem Ton, aber trotzdem wurde Julian das Gefühl nicht los, dass er da gewesen war. Hallo? Es war noch immer verdammt noch mal nicht seine Schuld gewesen! »Jetzt guck nicht so.« Sean lachte, während er Julian sein Glas hinschob. »Ich weiß, dass Janna weiß Gott nicht unschuldig an der ganzen Verwirrung war. Der kriegt doch nie die Zähne auseinander, wenn es um solche Themen geht. Ist alles ein bisschen blöd gelaufen.« Er zwinkerte Julian zu und der fragte sich unwillkürlich, was Sean denn überhaupt darüber wusste. Gerade als er fragen wollte, vibrierte sein Handy.
»Bringe Janna nach Hause, dem geht’s nicht gut. LG Alex«
»Dem geht’s nicht gut«, schnaubte Julian spöttisch für sich und konnte sich ziemlich gut vorstellen, was Alex damit meinte. Blöd für ihn, dann musste er sich für die Nacht doch tatsächlich ein Hotel suchen. Aber na ja, da gab es Schlimmeres. Schulterzuckend steckte er sein Handy wieder weg und wandte sich erneut an den Mann vor sich. »Sag mal, hast du einen guten Tipp für ein billiges Hotel? Scheint, als bräuchte ich eins.« Eigentlich hätte er sowieso eins gebraucht – Alex hatte nicht genug Platz –, aber jetzt brauchte er erst recht eines. Sean überlegte nicht lange. Er griff unter die Theke, wo er zwei Visitenkarten von günstigen Hotels hervorholte.
»Bitte sehr.« Er grinste, dann widmete er seine Aufmerksamkeit einem anderen Gast, der etwas bestellen wollte. Julian überflog die beiden Karten beiläufig. Zumindest das eine schien eher ein Stundenhotel zu sein, was ihn unwillkürlich schmunzeln ließ. Schade nur, dass ihm der Grund fehlte, ein solches aufzusuchen. Wobei – vielleicht konnte er das noch ändern? Aber irgendwie war ihm nicht wirklich danach, einen Aufriss zu machen – was für ihn doch recht ungewöhnlich war. Also begnügte er sich damit, ein paar Cocktails zu trinken und mit anderen Gästen Pool zu spielen. Er merkte erst, dass der Panther schon fast vollkommen leer war, als sich auch seine Spielpartner verabschiedeten. Sogar die Musik wurde schon heruntergedreht. Es wurde wohl Zeit zu gehen. Blöd nur, dass er noch immer keine Ahnung hatte, wohin. Noch einmal kramte er nach der Karte des zweiten Hotels. Das lag ja ganz schön weit außerhalb. Blöde …


Kapitel 2: Leo

Was für eine turbulente Nacht, dachte Leo theatralisch seufzend. Aber wenn alles richtig gelaufen war, dann hatten Alex und Janna sich endlich ausgesprochen und zusammengerauft. Was hatten die zwei ihn Nerven gekostet! Und das, obwohl Leo eigentlich von sich behauptete, sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen zu lassen. Gerade hatte er sich zwei Hände voll eiskaltes Wasser ins Gesicht geklatscht, um wenigstens ein bisschen runterzukommen. Zumindest war es in dieser Nacht im Keller eher ruhig gewesen; er hatte nur drei Kunden gehabt. Hätte er auch da noch Stress gehabt, hätte er sich bald einweisen lassen können. Leo schüttelte sich wie ein nasser Hund, bevor er die Toiletten verließ und sich auf den Weg zurück zum Keller begab. Es war inzwischen leer geworden, sogar die Musik war schon so leise, dass man nicht mehr schreien musste, um sich zu verständigen. Nur noch ein paar einzelne Gäste hingen herum und die waren allesamt besoffen. Außer Jay natürlich, der hinter der Theke stand und die letzten Gläser sauber wischte, aber der war ja auch kein Gast. Seine langen, strohblonden Haare waren wie so oft zusammengebunden und auf seiner geraden Nase thronte eine dieser Hipster-Brillen mit den viel zu großen Gläsern und dem dicken Rand. Leo mochte so etwas eigentlich überhaupt nicht, aber bei Jay konnte er nicht umhin, anzuerkennen, dass es ihm tatsächlich stand. Leo ging zu ihm hinüber, wollte ihm zur Hand gehen, doch Jay winkte ab.
»Du kannst ruhig gehen, ich mach hier fertig«, rief er Leo zu. Der hob daraufhin lächelnd und dankbar die Hand, nickte seinem Kollegen noch kurz zu und machte sich auf zur Treppe, die nach oben führte. Jay blieb meistens länger als Leo oder Janna, wischte noch einmal durch und schloss den Keller dann ab. Manchmal fragte Leo sich, wieso Jay das jedes Mal freiwillig auf sich nahm, aber meistens war er einfach nur froh darum, dass nicht er derjenige war, der die letzten Gäste aus dem Keller vertreiben musste.
»Bis morgen dann«, rief Leo gerade noch so über die Schulter zurück, was Jay ein schiefes Grinsen entlockte. Stimmt. Hätte er ja beinahe vergessen: Jay würde bei dem Umzug auch helfen.
Auch oben im Barraum war schon tote Hose. Die Musik säuselte nur noch leise im Hintergrund, die Lichter erinnerten nicht mehr an eine Lasershow für Arme und es war kaum noch jemand da.
»Sean, ich mach mich auf den Weg. Wir haben nachher noch viel vor uns.« Halbherzig, weil müde, winkte Leo Sean zu, der den Gruß mit erhobener Hand erwiderte.
»Nicht vergessen, morgen um acht geht’s los!«, erinnerte er ihn überflüssigerweise und zwinkerte.
»Mach ich nicht.« Leo lachte, bevor er sich abwandte und … stockte. Da war noch immer dieser Julian. Was machte der denn noch hier? Unauffällig beobachtete Leo ihn eine Weile. Er lehnte mit der Hüfte gegen einen der Billardtische. Die kurzen, brünetten Haare waren wirr verwuschelt, und zwar auf diese Weise, die schrie: »Ich stand eeewig im Bad dafür, auch wenn ich aussehe wie gerade aus dem Bett gekrochen.« Unwillkürlich musste Leo zugeben, dass es ihm stand; es passte zu seiner sportlichen Figur, dem Dreitagebart auf dem kantigen Kinn und dem engen, schwarzen Tanktop, das er trug. Allerdings passte es auch zu dem Bild des eingebildeten Schönlings, das Leo ohnehin schon von Julian hatte. Absolut selbstverliebt, ohne einen Gedanken an andere zu verschwenden.
Ja, genau so sah er aus.
Gerade starrte er eine Visitenkarte an. War wohl eine von denen, die Sean unter der Theke lagerte. Hatte der Mann denn keine Unterkunft? Das geschah ihm nur recht! Mit Genugtuung beobachtete Leo, wie Julian nachdenklich auf seiner Lippe kaute, die strahlend grünen Augen noch immer auf die Karte gerichtet. Das hatte er also davon, wenn er sich so dreist in Jannas und Alex’ Leben drängte! Pfft! Trotzdem fühlte Leo auch das Bedürfnis, ihm zu helfen. Das Hotel oder eher die Pension, deren Karte Julian gerade so eingehend musterte, lag so weit außerhalb, dass er ohne ein Taxi nicht weit kommen würde und er wollte schließlich morgen ab acht beim Umzug helfen. Das waren nur noch vier Stunden, das lohnte sich ja gar nicht mehr. Leo wohnte nur drei Straßen weiter, er könnte einfach …

»Du bist ja immer noch hier!«, rief Leo Julian zu und kam grinsend näher. Jepp, eindeutig arroganter Schönling, seufzte Leo in Gedanken, als Julian aufsah und er den Blick in den grünen Augen bemerkte, der wohl Überlegenheit ausdrücken sollte.
»So wie du auch«, gab Julian zurück, was Leo zum Lachen brachte.
»Na, ich arbeite auch hier. Hast du keinen Platz zum Pennen?«
»Nope«, antwortete Julian und bestätigte so Leos Verdacht. »Zumindest dann nicht, wenn das mit Alex und Janna wirklich was wird, ich mein … Nee, das können die zwei allein.«
Hätte der sonst tatsächlich wieder bei Alex geschlafen, dachte Leo abfällig. Nicht, dass er das Verlangen des Fleisches nicht verstehen konnte – er lebte schließlich davon –, aber … Nein, das war etwas anderes. Vielleicht auch nur deswegen, weil er aus nächster Nähe erfahren hatte, wie sehr Janna darunter gelitten hatte. Trotzdem verschwand das nervige Bedürfnis zu helfen nicht, sodass Leo Julian tatsächlich anbot, in seiner Wohnung zu übernachten. Der eindeutig zweideutige Blick, der darauf folgte, war Leo so bekannt wie kaum etwas sonst. Mühevoll musste er sich ein genervtes Augenrollen verkneifen, entschied sich stattdessen für ein ironisches Lächeln. Da konnte der Gute drauf warten, bis er alt und grau wurde. Es sei denn, er war bereit, zu zahlen wie jeder andere auch. Plus Aufschlag natürlich, weil es Leos eigene Wohnung war. Nicht, dass das je zuvor vorgekommen wäre, aber Leo hatte soeben entschieden, dass er das von nun an so handhaben würde.

»Wohnst du weit weg von hier?«, fragte Julian, als sie den Panther verlassen hatten. Als Antwort schüttelte Leo den Kopf und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf eine Kreuzung. »Wieso nimmst du mich mit? Du wirktest eben nicht, als würdest du mich mögen«, redete Julian weiter, woraufhin Leo die Schultern zuckte.
»Tu ich auch nicht. Aber wenn du morgen nützlich sein willst, solltest du zumindest ein bisschen schlafen und ich sag dir, das wär da in dieser Absteige eher nicht möglich gewesen. Es sei denn, du stehst auf Kakerlaken und so’n Zeug im Bett.«
»Igitt …«, machte Julian und verzog das Gesicht. »Und du hast so was ganz sicher nicht zu Hause?«
»Noch nicht, aber das ändert sich gleich.« Leo bog in die nächste Straße ein und ignorierte Julians Beschwerde über seine charmante Bezeichnung.
Bald erreichten sie den ruhigen Teil der Altstadt und auch das Haus im Jugendstil, in dem Leos Wohnung lag. Sanierter Altbau im zweiten Stock, mit Balkon, drei Zimmern, Wohnküche, Tageslichtbad. Julian fiel fast die Kinnlade herunter und er pfiff anerkennend durch die Zähne, als Leo das Licht im Flur anschaltete.
»Schnieke«, kommentierte er. »So was kostet doch ein Vermögen!« Leo zuckte wieder die Schultern, diesmal grinste er aber dabei.
»Ich krieg hundert Mäuse pro Fick, hab keine Verpflichtungen und keine Schulden – abgesehen von den Raten für die Wohnung. Selbst bei 50 % Steuerlast reichen also zwei oder drei Kunden am Tag dafür. Heute waren es vier, und das war ein ruhiger Abend.«
»Dann machst du das tatsächlich aus … Spaß?« Ungläubig starrte Julian ihn an, was Leo ein Lachen entlockte.
»Ich mag Sex und ich mag Geld. Da dachte ich, das passt gut so. Natürlich sind nicht alle Freier reines Vergnügen, aber meistens komm auch ich auf die eine oder andere Weise auf meine Kosten.« Er war sich bewusst, dass sein Gast ihn noch immer anstarrte, als wäre er ein Alien, also versuchte Leo es noch einmal anders. »Lass mich mal schätzen …«, tat er, als dächte er bloß laut nach. »Du hast sicher so fünf oder sechs One-Night-Stands in der Woche, oder? Jetzt stell dir vor, du würdest dafür bezahlt werden. Ist das Gleiche.«
»Nein, ist es nicht«, entfuhr es Julian. »Das ist was völlig anderes! Ich mein, du verkaufst dich doch!«
»Und du verschenkst dich«, erwiderte Leo ungerührt, während er sich sein T-Shirt über den Kopf zog und es durch die offene Tür in den Wäscheeimer schmiss. Er erwartete gar nicht, dass das jemand verstand – nicht einmal Janna oder Jay verstanden das –, aber er fuhr gut damit und nur das zählte. »Ich geh kurz duschen«, teilte er seinem Gast mit, der ihn noch immer anstarrte. »Mach’s dir bequem, nimm dir was zu trinken oder so und …«
»Ich könnte ja mit dir duschen«, unterbrach Julian ihn. Offensichtlich hatte er aus seiner Überraschung herausgefunden, denn nun hatte er wieder dieses überlegene Grinsen aufgesetzt.
»Danke, aber ich dusche lieber allein.« Leo wollte sich an Julian vorbeischieben, doch der hielt ihn fest und versuchte es noch einmal mit diesem verklärten Lächeln. Damit biss er bei Leo auf Granit.
»Wieso denn? Zu zweit ist doch sicher lustiger und du könntest mir bei der Gelegenheit einen blasen.«
Na, der fiel wohl auch gern mit der Tür ins Haus, dachte Leo bei sich, bevor er mit einem ironischen Lächeln auf den Lippen antwortete: »Mit dem größten Vergnügen, kostet dich fünfundsiebzig Euro.« Er konnte sich um fünf Uhr morgens mit vor Müdigkeit brennenden Augen schließlich nichts Anregenderes vorstellen.
»Wie jetzt?« Hach, was war dieses dumme Gesicht zum Schießen! »Ist das dein Ernst? Wir sind doch sozusagen Freunde?«
»Nicht einmal sozusagen, Schätzchen«, antwortete Leo mit dem breitesten Lächeln. »Ich hab dich mitgenommen, weil ich ein unfassbar großes Herz für Arschlöcher habe, und jetzt lass mich durch, ich will den Tag morgen überleben.« Mit diesen Worten schob Leo sich an dem sprachlosen Julian vorbei ins Bad, verriegelte die Tür hinter sich und seufzte. Dieser Quatschkopf war genau so, wie er ihn eingeschätzt hatte. Vielleicht sogar noch ein bisschen nerviger. Aber na ja, ab morgen hatte Alex ja eine neue Wohnung und damit wieder Platz für ihn.


Kapitel 3: Julian

»Was zum …« Julian wusste nicht, wie lange er noch vor der Badezimmertür gestanden und sprachlos das weiß gebeizte Holz angestarrt hatte. Das war ihm noch nie passiert! Na ja, nicht »noch nie«, aber doch höchst selten. Wenn Leo so geschickt mit seiner Zunge war, wie er schlagfertig war, dann war es umso bedauerlicher, dass er sich jetzt auf der anderen Seite der Tür befand und nicht hier bei ihm. Aber fünfundsiebzig Tacken? Für einen Blowjob, den man in jedem Club umsonst kriegen konnte? Das war doch ganz bestimmt nur ein Scherz! Irgendwie würde er ihn noch rumkriegen, da war Julian sich sicher. Schließlich ging es spätestens jetzt auch um seine Ehre.
Den Gedanken an Leo erst einmal von sich schiebend, schaute Julian sich endlich um. Vor ihm war das Bad, daneben sowie hinter ihm noch andere Türen, die in angrenzende Zimmer führten, und links die Eingangstür. Rechts von ihm mündete der Flur in ein riesiges Wohnzimmer, an welches, getrennt nur durch eine halbhohe Wand und einen breiten Durchgang, die Küche grenzte. Auch hier kam Julian nicht umhin, beeindruckt zu sein. Weiße Hochglanzfronten trafen auf eine dunkel melierte Granitarbeitsplatte und ein modernes Induktionskochfeld. Und alles war so sauber, als würde es niemals benutzt werden – was, wenn Julian darüber nachdachte, ja möglicherweise sogar der Realität entsprach.
Also, wie war das gewesen? Leo hatte doch gesagt, er dürfe sich etwas zu trinken nehmen, oder? Im amerikanischen Kühlschrank fand er außer einem Sixpack Bier, drei Tüten Saft und zwei Flaschen Cola nicht viel. Wovon lebte Leo denn? Julian suchte ein Glas und wurde in einem der Schränke fündig. Nachdem er sich Saft eingegossen hatte, lehnte er am Tresen und ließ den Blick durch das Wohnzimmer wandern. Die Wände waren reinweiß, einzig hinter der Wohnwand stachen hell- und dunkelgraue Highlights hervor. Alles sah aus, als wäre es geradewegs aus einem Katalog importiert worden. Die schwarze Ledercouch ebenso wie der riesige Flat-TV an der Wand und die PlayStation 4 darunter. Die Schränke und Regale, in denen kleine, verschiedenfarbige LEDs leuchteten und die im gleichen Hochglanzweiß wie die Küche gehalten waren, sowie der grau melierte Flokati ergänzten das Farbschema perfekt. Alles nicht zu vergleichen mit seiner eigenen Dachgeschosswohnung, dachte Julian völlig ohne Neid.
Es war absolut chic. Und absolut unpersönlich.
Nicht einmal eine Fernsehzeitschrift lag herum. Einzig der alte Ohrensessel in der Ecke sah aus, als gehörte er tatsächlich einem Menschen. Es war der einzige Gegenstand im Raum, der in irgendeiner Weise Charakter besaß. Julians eigene Wohnung mochte winzig sein und die Einrichtung aus Zeitungsanzeigen zusammengesucht, aber zumindest konnte er behaupten, statt einer sterilen Umgebung ein Zuhause zu haben. Und dafür gab Leo sich her? Für ein bisschen Luxus? Nein, das konnte Julian nicht verstehen und Leos Vergleich war ja wohl absolut abwegig. Einen One-Night-Stand, auf den man geil war, konnte man doch nicht wirklich mit bezahltem Sex vergleichen – völlig egal, von welcher Seite man das betrachtete.

Aus dem Flur drang das Geräusch eines Schlüssels, der im Schloss herumgedreht wurde. Automatisch, als wollte er nicht beim Herumlungern erwischt werden, drückte Julian sich vom Tresen ab, als Leo mit nassen Haaren und einem Handtuch um die Hüften ins Wohnzimmer kam.
»Na, hast du’s dir anders überlegt?« Diesen Kommentar konnte Julian sich nicht verkneifen und erntete dafür ein spöttisches Lächeln.
»Wieso ich? Ich hab dir doch gesagt, ich mach’s für fünfundsiebzig.«
»Du meinst das echt ernst, oder?« So ganz konnte er es ihm noch immer nicht abnehmen.
»Klar, wär ich Friseur, würd ich dir doch auch nicht kostenlos die Haare schneiden.« Dagegen fiel Julian nichts mehr ein. Das stimmte zwar irgendwie, aber viel passender als den anderen zuvor fand er den Vergleich nicht.
»Machst du es nie ohne Bezahlung?«, platzte es aus ihm heraus. Es interessierte ihn nach Leos letztem Satz wirklich. Der tat so, als müsste er kurz nachdenken, und schüttelte dann lachend den Kopf.
»Nein, warum sollte ich? Da wär ich doch schön blöd.«
»Ja, aber …« Schon wieder war Julian sprachlos. Selten schaffte das jemand und dann auch noch so oft in so kurzer Zeit! »… was ist mit Beziehungen oder Freundschaften oder so …«
»Also, Beziehungen hab ich keine und meine Freundschaften kommen ohne Sex aus«, gab Leo spitz zurück und Julian war sofort klar, dass das eine Anspielung auf Alex war – er selbst hatte ihm auch noch die Vorlage dazu geliefert. Doch wider Erwarten hackte Leo nicht weiter darauf herum, sondern deutete auf den alten Sessel. »Kannst dir die Wolldecke nehmen, die da liegt, und schlafen, wo auch immer du magst. Nur mein Bett ist tabu«, fügte er warnend hinzu, als Julian grinste und zum Sprechen ansetzte.
»Bist du sicher?« Das zu fragen, ließ Julian sich nicht nehmen. »Weißt du, bei mir hat sich bisher auch noch keiner beschwert.« Zuerst blieb Leos Miene regungslos, dann begann er plötzlich zu lachen und wandte sich ab. Es dauerte ein paar Lidschläge, bis Julian kapierte, dass er ausgelacht wurde.
»Du wechselst aber schnell von ›Blas mir einen‹ zu ›Bitte, bitte, lass mich dir einen blasen‹. Die Antwort bleibt die gleiche, aber wenn du dir Mühe gibst, bekommst du vielleicht Rabatt.« Und schon wieder war Julian sprachlos und starrte Leo zähneknirschend hinterher, der den Flur hinunterging, sich das Handtuch von den Hüften riss, dieses im Vorbeigehen ins Bad schmiss und dann durch eine der Türen verschwand. Na toll, einen geilen Arsch hatte der Kerl also auch noch. Grummelnd schnappte Julian sich besagte Wolldecke und legte sich damit auf die Couch.
Etwas mehr als zwei Stunden Schlaf noch, sagte ihm sein Handy.
Super.


Na, neugierig geworden? 🙂